Bischofswort zur vorösterlichen Bußzeit

Denn der Geist, den Gott uns gegeben hat, macht uns nicht zaghaft, sondern er erfüllt uns mit Kraft, Liebe und Besonnenheit.  
2 Timotheus 1,7

Bischofswort zur vorösterlichen Bußzeit 2021

Liebe Glaubensgeschwister,

die Zeit vor Ostern in diesem Jahr 2021 hat ihren besonderen Charakter durch die weltweite Pandemie. Mittlerweile liegen bei vielen Menschen, vielleicht auch bei Ihnen, die Nerven blank. Die Ungewissheit, die wir empfinden, kränkt uns, die Menschen des 21. Jahrhunderts in den hoch entwickelten Ländern ganz besonders. Wir sind es nicht gewohnt, damit umzugehen, dass man keine haltbaren Pläne machen kann, dass Jobs unsicher geworden sind und unser Alltag entweder durch Überbelastung oder durch Einsamkeit gezeichnet ist.

Dazu lassen sich ganz sicher treffliche und bedeutungsvolle Worte machen: Worte, die dann noch einmal nichts anderes tun als Salz in unsere Wunden zu streuen. Ich möchte dies hier ganz sicher nicht tun.

Christinnen und Christen wird immer wieder nachgesagt, dass sie ein nahezu erotisches Verhältnis zum Leiden haben, dass die Glorifizierung des Leidens ein Kennzeichen ihrer Frömmigkeit ist, was auf unsere Zeitgenossinnen und Zeitgenossen masochistisch und abschreckend wirkt.
Ja, da kann ich nicht nur widersprechen...

Andererseits drängt sich mir die Frage auf, ob nicht gerade unsere moderne westliche Welt eine Verdrängung betreibt, in der das Leid, die Ungewissheit und Angst keinen Platz mehr haben darf. Ich sehe das so und bin zugleich ein Kind dieser Zeit, das nichts so sehr liebt wie die Bilder von Schönheit, Anmut und Lebendigkeit.

Kreuzweg und Auferstehung, das Drama, die Tragödie um Jesus von Nazareth, all das ist Jahr für Jahr ein fixes Ritual in unseren Gemeinden. Die Heimkehr Jesu zum Vater deuten wir als österlichen Sieg, der Auferstandene mit der Siegesfahne entspricht unserem Bedürfnis nach Erfolg und Triumph. Die ostkirchliche Darstellung des Hinabstieges Jesu in die Unterwelt bleibt uns bei aller Erklärung zumindest ein wenig fremd.

Heuer, in diesem besonderen Jahr, so denke ich, verstehen wir es besser:
Die „Unterwelt“, die „Schattenwelt“, sind das nicht wir, wenn wir vor unseren Laptops und Bildschirmen sitzen, eingeschlossen in unseren vier Wänden, ohne die Möglichkeit, jemand die Hand zu reichen oder die Wange zum Gruß?
Unsere Lebendigkeit, das dreidimensionale Leben, reduziert auf die zwei Dimensionen, ja, unsere Vitalität leidet...

Eingeschlossen sein, das war auch die Erfahrung der Freundinnen und Freunde Jesu nach seinem Tod. Selbst der Versuch, an die Auferstehung Jesu bleibend zu glauben, bleibt Stückwerk. Die Angst, sich mit einer solchen Botschaft beißenden Spott auszusetzen, diese begründete Furcht ist ein Kennzeichen ihres Daseins. Bei verschlossenen Türen tritt Jesus in die Mitte, in ein verschlossenes Haus bricht die Kraft des Gottesgeistes ein, es bedarf eines Sturmes, um die Herzen zu bewegen.

Ich wünsche uns diesen lebendigen Sturm, dass ein Ruck durch unsere Reihen geht, dass wir aufstehen, die Türen öffnen, hinausgehen und leben! Dass wir dankbar sind für das Geschenk des Glaubens, eines Vertrauens, das Mut macht. Ganz besonders heuer, im März und April des Jahres 2021, das wir als Christinnen und Christen mit all seiner Last als ein Jahr des Heils empfinden dürfen!

In glaubensgeschwisterlicher Verbundenheit und mit den besten Wünschen für Ihre Gesundheit und Gottes Segen

Dr. Heinz Lederleitner
Bischof der Altkatholischen Kirche Österreichs