Bischofspredigt zum Christfest 2020

„Und auf Erden ist Frieden bei den Menschen seiner Gnade“ – so heißt es im Evangelium der Heiligen Nacht.
„Und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit“ – ein Kernsatz der Liturgie der Feier von Christi Geburt im Prolog des Johannes.

Liebe Festgemeinde!

Das Leben ist schwer genug, unmöglich, heute alles auszuloten, was an Schwerem von Ihnen, liebe Mitchrist*innen, getragen wird. Das Jahr 2020 hat uns allen Lasten auferlegt, an denen wir zu tragen haben. Die weltweite Pandemie hat verstärkt, was sensiblen Zeitgenoss*innen schon vorher klar war: Die Krise ist zum Normalzustand geworden, wir können uns nicht davor drücken und stehen vor Entscheidungen, deren Tragweite erst nach vielen Jahren zu erkennen sein wird.  

Doch das Leben kann auch schön sein, ja, so schön, dass es fast wehtut und schmerzt. Frauen, die ein Kind zur Welt gebracht haben, können ein Lied davon singen, vom Schönen und vom Schweren. Manchmal hören wir, wie der Volksmund sagt „die Engel singen“; und damit sind jene Situationen gemeint, in denen wir es kaum aushalten, was uns zugemutet wird. Stumm werden wir, wenn wir überwältigt werden in glücklichen Momenten und ebenso verstummen wir im Angesicht des Unerträglichen. Schreien vor Schmerz und Stöhnen vor Glück, all das ist menschlich, allzu menschlich, es hat seinen Platz in dieser Heiligen Nacht und dem Morgen danach.

Maria und Josef, das Kind in der Krippe: Sie haben sich alle drei das Leben nicht leicht gemacht. Maria, die Ja sagt zu Gott, Ja zu einem Kind, ein Ja ohne Sicherheit, ein Ja, das sich bewähren muss in jener Zeit, in der ihr eigener Sohn ihr zum Rätsel wird. Josef, der sich zu Maria bekennt und es erträgt, verlacht und verspottet zu werden. Und Jesus, der seinen Lebensweg kompromisslos und tapfer zu Ende geht, selbst dann, als er unverstanden und gedemütigt, gepeinigt und verspottet, am Kreuz sein Leben aushaucht.

Die Krippe ist, auch wenn sie dies suggeriert, keine Idylle. Und Gottes Wort, das Fleisch wird und Gestalt annimmt in Jesus von Nazareth: Eine Herausforderung und Zumutung, der widersprochen wird. Kampf und Besinnlichkeit, sich anstrengen, die Widersprüchlichkeiten des Lebens zu ertragen und dann, am Ende eines Tages, zum Frieden mit sich selbst und den anderen kommen, dies versuchen wir immer neu in unserem Leben. Am Ende eines Tages dankbar zu beten: „Meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor den Völkern bereitet hast: Ein Licht, das die Heiden erleuchtet und Herrlichkeit für dein Volk Israel“, das muss immer wieder neu bedacht und ehrlich errungen werden. Denn auch das, was wohl überlegt begonnen wurde, läuft nicht immer nach unserem Plan. Wir müssen es an jedem Abend neu prüfen und in Gottes Hände legen – in Dankbarkeit für die Sonne, die über Böse und Gute aufgeht.

Das Vorhaben, sich durch eine durchdachte Lebensplanung und solides Wissen das Leben leicht zu machen, ist verständlich. Das ist es auch, was Eltern ihren Kindern aus gutem Grund empfehlen. Und zugleich kommt mit festen Grundsätzen wie Gerechtigkeit, Achtung vor dem anderen und Toleranz eine gewisse Schwere ins Leben. Nicht immer lassen sich diese Werte einfach verwirklichen, unmöglich ist dies unter der Herrschaft einer Diktatur. So wird dann die Alternative zwischen Lebenslüge und Aufrichtigkeit unausweichlich. Sich diesem Konflikt nicht zu stellen und in leichtfertigen Liebeleien Trost zu suchen wird dann zu einer unerträglichen Leichtigkeit des Seins. So schildert es Milan Kundera in seinem gleichnamigen Roman. Am Ende erzählt Kundera jedoch vom Ja zur wohlüberlegten Einstellung und den damit verbundenen Werten. Dies hat Folgen, die den jungen Arzt Tomás in die Verbannung führen – weg von der Karriere in Prag und in der Schweiz. Seine Rückkehr in die Tschechoslowakei nach der Niederschlagung des Prager Frühlings hat Konsequenzen: Als Landarbeiter muss er nun sein Leben fristen. Er lernt Ja sagen zu einer verbindlichen Partnerschaft mit der Frau, die er innig liebt. Mit dem Verlust der Leichtigkeit wächst auch seine Liebe zum Schweren und zur Erde, ein Ja zum Schmerz und zur Fröhlichkeit der einfachen Menschen, die nie etwas anderes gekannt haben als Mühsal und Plage. Dieses Ende kann traurig sein und doch zugleich eine Lösung, vielleicht sogar „Erlösung“ – und zugleich sinnlos scheinen für diejenigen, die den äußeren und finanziellen Erfolg zum Maßstab ihres Lebens machen.

Mit dem Glauben an Gott sagen wir ein Ja – ein Ja zur Welt, so wie sie ist, ein Ja zu diesem Planeten mit seinen Pandemien, Erdbeben, Vulkanen und Tsunamis. Wir sagen ein Ja zu unseren Mitmenschen, mit ihren Schwächen und ihrer Unberechenbarkeit. Und wir sagen Ja zu uns selbst, ohne zu wissen, was morgen auf uns zukommt und ob wir mit all dem zu Recht kommen, was uns erwartet. Wir sagen Ja zu einer komplexen Realität, ohne in jedem Moment sicher zu sein, was das wirklich Richtige ist. Zugleich bleiben wir dennoch auf der Suche nach dem, was echt, authentisch und wahrhaftig ist. Daher sagen wir aus dieser Haltung des suchenden Glaubens heraus ein „Nein“ zu allem Diktat von oben und außen. Es darf vermutet werden, dass ein solches Diktat heute durch das kapitalistische System und einen ihm eigenen Fundamentalismus ausgeübt wird, in dem der Markt und seine Mechanismen zum neuen Götzen geworden sind. Sprechen wir es aus: Die Ausbeutung der Erde auf Kosten kommender Generationen ist für uns Christ*innen ein Zeichen der Gottferne, ein Ausdruck der Sünde, ein Zeichen dafür, wie sehr wir gefangen sind in dem, was wir für das „Normale“ halten. Umkehr kann nur mit Gottes Beistand gelingen, ihn gilt es herbei zu beten, ja, mehr noch, zu erflehen.

Heuer, am Christfest 2020, erleben wird all dies im Anblick der Krippe und im Hören auf Gott und sein fleischgewordenes Wort. Im Dunkel der Nacht finden wir den Weg zur Krippe, zur Schwere der Geburt und zur Erleichterung und Freude über ein gesundes Menschenkind. Der Stern weist den Weg und die Hirten finden ihr Ziel. Sie haben „Ja“ gesagt zum Ungewissen und „Nein“ zur eigenen Trägheit, sie haben sich aufgemacht, sie, die Erdverbundenen und wenig Geachteten. Der, den sie gefunden haben, wird mit beiden Beinen auf der Erde stehen und erdverbundene Geschichten über das Reich Gottes erzählen: Von Äckern und Weinbergen, von Schätzen und Perlen, von Gutsverwaltern und Königen. Die Einfachen wird er selig preisen und sich den Zorn der Etablierten zuziehen. Konsequent wird er seinen Weg gehen, ein tapferer junger Mann, der sich kein Blatt vor den Mund nimmt. Gott wird er als seinen Vater erkennen und uns ein Leben empfehlen, in dem Sorglosigkeit und Vertrauen die Hauptrolle spielen. Am Ende seines Lebens wird es wieder Nacht werden, doch der Vorhang zwischen Tempel und Welt, zwischen Himmel und Erde wird zerrissen sein. Nun ist die Menschheit nicht mehr gefangen wie ein Vogel im Netz – nein: Das Netz ist zerrissen und wir sind frei.

Liebe Mitchrist*innen, als Mensch erschienen ist Gott, nicht mehr länger brauchen wir ihn suchen, er lässt sich finden, hier und überall: Der*die Andere, der*die Asylwerber*in, der*die Bettler*in, der*die Fremde, der*die Ruhelose, der*die Gehetzte und Verhetzte, sogar der*die Feind*die - und natürlich auch der*die Vertraute, der geliebte Mensch in unserer Umgebung: In ihnen spiegelt sich Gott, und in der Art, wie wir ihnen begegnen, begegnen wir Gott. Jenseits von aller Romantik und uns gegeben als Auftrag, stehen die großen Worte und Werte von Gerechtigkeit und Liebe. Selbst dann, wenn wir selber ungerecht behandelt werden und uns unverstanden fühlen. Denn auch dann streckt uns das Jesuskind seine Hände und Füße entgegen: Die Hände, uns zu segnen und zu vergeben, und die Füße, damit wir sie halten und wärmen.

Lassen wir uns von dem anziehen, was das Christfest verspricht. Die Ankunft Gottes mitten in unserer mühseligen Alltagsrealität. Denn, wie schon gesagt, die Krippe ist keine Idylle, sondern eine Zumutung. Dass über ihr der Stern Gottes leuchtet und den Hirten von Engeln eine frohe Botschaft verkündet wird, vermögen wir nur mit den Augen des Glaubens zu sehen und mit den Ohren der Liebe zu hören. Solche offenen Augen und Ohren wünsche ich uns. Dann riechen wir ihn auch, den Duft der Hoffnung. Und verbreiten ihn dort, wo wir leben.

Dr. Heinz Lederleitner
Bischof der Altkatholischen Kirche Österreichs