Bischofswort Mai 2020

Kirche sein heute und morgen: Legen wir – jede und jeder – ein Holz ins Feuer und sorgen wir dafür, dass das Feuer brennt und wärmt, nicht nur uns, sondern die kleinen und großen Welten, in denen wir leben!

Geschätzte Leserinnen und Leser, Glaubensgeschwister der Altkatholischen Kirche Österreichs und Interessierte darüber hinaus:

Gerade die aktuellen Zeiten der Corona-Krise mit den besonderen Verhaltensweisen, die zum Rückzug auffordern, fördern auch bei mir Nachdenklichkeit und das Bedürfnis, diese Zeit besonders für Reflexionen und ihre schriftliche Darstellung zu nutzen.

Wie Sie sich denken können, bringt mich mein Dienst als Bischof der Altkatholischen Kirche Österreichs mit vielen Menschen ins Gespräch: Menschen, die sich von mir etwas erwarten, ein gutes Wort, eine klare Botschaft, vor allem aber ein offenes Ohr. Zum Nachdenken bringen mich vor allem diejenigen, die mir einfach etwas sagen möchten, von dem sie vermuten, ich hätte es noch nie gehört und es würde mich weiter bringen. Und dann auch diejenigen, die kritische Anmerkungen machen zu dem einen oder anderen, die sagen, wo sie der Schuh drückt oder die mit enttäuschten Erwartungen zu kämpfen haben. Die Kirchenleitung, Bischof, Generalvikar und Synodalrat sind stets bemüht, Konsens zu finden und richtungsweisende Entscheidungen zu treffen. Uns allen ist klar, dass erst der Fortgang der Geschichte darüber ein Urteil fällen wird und dass sich auch solche Urteile im Lauf der Zeiten verändern können.

Das synodale Prinzip bringt es mit sich, dass es keine persönliche Autorität gibt, die als einziger Reibebaum für alles, was drückt und bedrückt, dienen kann. Wir mögen bestimmte Persönlichkeitsmerkmale bei den Menschen, die sich in unserer Kirche engagieren und wieder andere ihrer Eigenschaften nicht so sehr. Gewachsene Freundschaften und Sympathien gehören in jeder Kirche, die Gemeinschaft sein will und die sich nicht hinter dem Institutionellen bzw. dem „Amtlichen“ versteckt, genauso dazu, wie Skepsis und Ablehnung, aber auch Antipathien, die nicht immer eine rationale Grundlage haben müssen. Ich fühle mich verpflichtet, dies anzusprechen, weil gerade eine Kirche immer unter dem Anspruch besonderer Heiligkeit steht, die es in der Realität jedoch nicht gibt. Nicht umsonst antworten wir im eucharistischen Gottesdienst auf den Zuspruch „Das Heilige den Heiligen“ mit der Antwort: „Einer ist heilig, einer der Herr, Jesus Christus, zur Ehre Gottes des Vaters.“

Womit ich auch bei einem Leitmotiv bin, das mein Schreiben durchzieht: Es geht mir um eine Verbindung von Erde und Himmel, von Gott und Mensch, von irdischem Engagement und geistlicher Freude: Wenn sie es so verstehen wollen, kann man all dies auch mit dem Begriff „Spiritualität“ zusammenfassen. Diese ist, wie wir ja spätestens seit Benedikt von Nursia wissen, eine Verbindung von „ora et labora“, auf Deutsch „bete und arbeite“, Frére Roger Schütz, der Prior der ökumenischen Bruderschaft von Taizé gebrauchte dafür das spannende Begriffspaar „Kampf und Kontemplation“.

Zwei Themen möchte ich in diesem Bischofswort ansprechen: Den Altkatholik*innenkongress 2018 als Rückblick und die Synode 2021 in der Vorschau.

Es scheint, der Kongress wäre schon lang her und die Zeit bis zur nächsten Synode noch lang. Doch, wie die Erfahrung zeigt, ist unsere Einschätzung der Zeitenläufe immer verbunden mit unserem Blick auf eine augenblickliche situative Problematik, die sich rasch ändern kann. Daher erlaube ich mir diesen Rückblick in die Vergangenheit, zum Altkatholik*innenkongress, und das Ausschau halten in die Zukunft, hin zur Synode 2021. Hier zunächst eine kurze Darstellung, worüber es bei diesen beiden Themen gehen wird:

Altkatholik*innenkongress 2018 in Wien, Rückblick und Ausblick. Visionen für unsere Kirche

Da wird es aus meiner Perspektive um den Rückblick auf den Altkatholik*innenkongress 2018  in Wien gehen und auch um Visionen, die wir für unsere Kirche formulieren wollen, so wie es bei der vorletzten Synode beschlossen wurde: Nämlich einen Prozess zu starten, bei dem es darum geht, Visionen zu formulieren und daraus Ziele abzuleiten, um unsere Kirche zukunftsfit zu machen.

Synode 2021

Im Frühjahr 2021 findet wieder einmal eine Synode unserer Kirche statt. Die Synode als das oberste Organ ist gerufen, wesentliche Entscheidungen zu fällen und alle, die daran teilnehmen, übernehmen die Verantwortung der Kirchenleitung. Dazu möchte ich einige Überlegungen anstellen, die zum Gelingen der Synode beitragen können.

Nun folgen die beiden Themen im Detail:

Altkatholik*innenkongress 2018 in Wien: Rückblick und Ausblick

Nun - nach bald zwei Jahren - ist ausreichend Zeit verstrichen, um festzuhalten, wie der Kongress gewirkt hat und welche Rückmeldungen es gab.

Mit dem Thema „Salz der Erde“ und dem Untertitel „Christinnen und Christen für eine offene Gesellschaft“ hat der Kongress den Nerv der Zeit getroffen. Von Anfang an war mir dieses Thema wichtig und ich habe es angestoßen und mitgetragen.

In der Zeit vor Weihnachten 2018 konnte ich die Bekanntschaft von Prof. Johannes Huber machen, der in seinem neu erschienen (Wien 2018) und sehr lesenswerten Buch „Woher wir kommen, wohin wir gehen. Die Erforschung der Ewigkeit“ Bezug nimmt auf die Offene Gesellschaft. Im Unterkapitel „Schriftverkehr mit Sir Karl Popper“ (Seiten 32 bis 37) geht es ihm darum „Denkmauern zu durchbrechen“, gemeint sind hier besonders wissenschaftliche Denkgebäude, die immer wieder durch neue Erkenntnisse in Frage gestellt werden und die auch die Fragen nach dem Woher, Wohin und Wozu unseres Lebens aufbrechen lassen, besonders die Frage nach Gott und seinem Bezug zur Welt. Diese Frage ist nicht unvernünftig, wenn auch die Zahl der „religiös unmusikalischen Menschen“ in unseren Tagen in Europa zunimmt.

Liegt es nicht auch daran, dass das Wort „Gott“ für viele Zeitgenossen zu groß, zu unverständlich und auch unheimlich geworden ist? Was wurde und wird nicht alles „im Namen Gottes“ verkündet und getan? Man braucht nicht nur an die Fälle von Machtmissbrauch und sexuellem Missbrauch in den Kirchen zu denken, sondern recht grundsätzlich fragen: „Warum lässt Gott das Leid, das Böse in der Welt zu?“ Eine Frage, auf die man keine befriedigende Antwort finden wird und die zu beantworten mir hochmütig und besserwisserisch erscheint. Daher dazu einige Bemerkungen von Martin Buber, die keine Antwort sein möchten, aber die Frage nach Gott vertiefen, das ist zumindest mein Eindruck.

Im Essay „Gottesfinsternis“ erzählt Martin Buber von einem Streitgespräch, Buber liest aus seinem Buch vor und der zuhörende Kritiker fällt ihm ins Gespräch: „Wie bringen Sie das fertig, so Mal zu Mal ‚Gott’ zu sagen? (...) Welches Wort der Menschensprache ist so missbraucht, so befleckt und geschändet worden (...) all das schuldlose Blut, das um es vergossen wurde, hat ihm seinen Glanz geraubt.“ Buber widerspricht in seinem Streitgespräch leidenschaftlich: „Ja, (...) es ist das beladenste aller Menschenworte. Keines ist so besudelt, so zerfetzt worden. Gerade deshalb darf ich darauf nicht verzichten. (...) Die Geschlechter der Menschen mit ihren Religionsparteiungen haben das Wort zerrissen, sie haben dafür getötet und sind dafür gestorben. (...) Wie gut lässt es sich verstehen, dass manche vorschlagen, eine Zeit von den ‚letzten Dingen’ zu schweigen, damit die missbrauchten Worte erlöst werden! Aber so sind sie nicht zu erlösen. Wir können das Wort ‚Gott’ nicht reinwaschen, und wir können es nicht ganz machen; aber wir können es, befleckt und zerfetzt wie es ist, vom Boden erheben und aufrichten über einer Stunde großer Sorge.“ (Martin Buber, Gottesfinsternis. Betrachtungen zur Beziehung zwischen Religion und Philosophie, Werke, Bd. 1)

Es war für mich eine gewisse Überraschung, dass der ansonsten den Religionen gegenüber skeptische Historiker Yuval Harari im Bestseller „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ (München 2018) ein eigenes Kapitel dem Thema „Gott“ widmet, in dem er schreibt „Gibt es Gott? (...) Warum gibt es etwas und nicht nichts? Woher stammen die Grundgesetze der Physik? Was ist Bewusstsein und woher kommt es? Die Antworten auf diese Fragen kennen wir nicht, und unserem Nichtwissen geben wir den großen Namen ‚Gott’. (...) Das ist der Gott der Philosophen, der Gott, über den wir reden, wenn wir spätabends am Lagerfeuer sitzen und uns fragen, was das Leben eigentlich ist.“( Harari, Seite 263).

Die Rückkehr Gottes in den philosophischen Diskurs bedeutet natürlich nicht, dass eine konkrete Religion mit ihren Einstellungen, Fastengeboten, Bekleidungsvorschriften, Festtagen etc. die Zustimmung von Yuval Harari findet. Damit liegt er sicher im Trend jener jungen Menschen - und es werden immer mehr - die im Lauf ihrer Ausbildungen, Studien und beruflichen Tätigkeiten andere religiöse Traditionen kennenlernen und dadurch ihre eigene religiöse Sozialisation in Frage stellen. Unsere Kirche steht wie jede andere Kirche und Religionsgemeinschaft vor der Herausforderung, ihre Lehren, Gewohnheiten, Liturgien, also alle ihre Traditionen, so darzustellen, dass diese „verinnerlicht werden können“. Das bedeutet, dass es heute mehr als früher auf die spirituelle - mystische Erfahrung ankommt, damit junge Menschen den christlichen Glauben ergreifen können. Ergreifen kann man ja nur das, wovon man „ergriffen ist“, was einem innerlich etwas bedeutet. Karl Rahner, der große Theologe des 20. Jahrhunderts, hat es so formuliert: „Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein oder er wird nicht mehr sein.“ Und der „Christ der Zukunft“ von Karl Rahner ist von Tag zu Tag mehr die Christin und der Christ von heute!

Anlässlich des Altkatholik*innenkongresses 2018 in Wien fand auch der Jugendkongress statt und ich hatte die Gelegenheit, mit den jungen Menschen aus unserem Land zusammen mit jenen aus der Schweiz, Deutschland, Holland und Kroatien und anderen Ländern den Gottesdienst in englischer Sprache zu feiern. Dabei habe ich erlebt, dass diese Jugendlichen klare Traditionen suchen, an die sie sich halten können, die sie verinnerlichen wollen und in ihr Leben hinein übersetzen können. Für Anleitungen dazu sind sie dankbar. Christsein bedeutet für sie eine Möglichkeit, die sie erfahren wollen, in die sie eintauchen können. Weil heute in unserer europäischen Lebenswelt niemand mehr Christ sein muss und Freiheit eine Selbstverständlichkeit geworden ist, bedeutet die Vermittlung des christlichen Glaubens das Eröffnen von Erfahrungsräumen, in denen sich dieser Glaube äußert. „Gott, mein Gott bist du, dich suche ich, es dürstet nach dir meine Seele. Nach dir schmachtet mein Fleisch, wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser.“ (Ps 63,2) - solche Gottessehnsucht in Liturgie und Verkündigung erlebbar zu machen, dies sehe ich als einen wesentlichen geistlichen Dienst unserer Kirche.

Daher: Beides zusammen zu sehen, den „Gott der Philosophen“, der am abendlichen Lagerfeuer und auch beim letzten Getränk an der Bar zum Thema wird, und den Gott Jesu Christi mit seiner Leidenschaft für den konkreten einzelnen Menschen. Diesen Gott, der Christen und Christinnen ruft, Salz der Erde zu sein, dies, denke ich, sollen wir immer mehr als Mittelpunkt unserer Kirche sehen und zu unserem Anliegen machen.

Ein wesentlicher Aspekt des Altkatholik*innenkongresses war das Bekenntnis zu einer offenen Gesellschaft auf der Basis der Menschenrechte. Damit verbunden, das Bekenntnis zum ökumenischen und interreligiösen Dialog. Das zentrale Ereignis, der Dialog religiöser Menschen verschiedener Traditionen im Gebäude der Alten Wiener Börse, hat viele Aspekte aufgezeigt, die von Bedeutung sind: Grundsätzliche Dialogbereitschaft und wirklich geführter Dialog sind unterschiedliche Dinge, im konkreten Dialog kommt es immer wieder zur Notwendigkeit der Formulierung und Neuformulierung des eigenen Standpunktes, auch das Zuhören ist eine Kunst, die gelernt werden muss.

Hier möchte ich noch zum Thema „Menschenrechte“ formulieren, was mir in Gesprächen und Diskussionen aufgefallen ist. Bei den „Menschenrechten“ wie wir sie kennen, handelt es sich um ein nach 1945 ausformuliertes Konzept, das den Geist der westlichen Welt der Nachkriegsjahre nach dem Zweiten Weltkrieg atmet. In anderen Weltteilen konnte sich dieses Konzept nicht so durchsetzen, wie wir Europäer es fraglos angenommen haben. In meinen Augen entstand dieses Konzept, weil eine christentümliche Gesellschaft versagt hatte, hinterfragt wurde, und sich humanistisches Gedankengut mit dem Geist der Aufklärung und einer tendenziell kapitalistischen Gesellschaft verband, die soziale und solidarische Aspekte für ihr Funktionieren braucht.  Zugleich trat der einzelne Mensch in den Mittelpunkt der Überlegungen. Dies ist jedoch nicht „das Ende der Geschichte“, daher wird immer zu fragen sein, welche Weiterentwicklungen der Menschenrechte notwendig sind in einer Welt, in der die rasante technologische Entwicklung von Digitalisierung und Biotechnologie neue Fragen aufwirft - Fragen an die Politik, die von Yuval Harari - in Kurzfassung - so formuliert werden: „Wenn ich dich wähle, welche Maßnahmen wirst du dann ergreifen, um das Risiko eines Atomkrieges zu verringern? Was wirst du tun, um den Gefahren des Klimawandels zu begegnen? Was wirst du unternehmen, um disruptive Technologien wie künstliche Intelligenz und Biotechnologie zu regulieren? Und wie stellst du dir schließlich die Welt im Jahr 2040 vor? Wie sieht dein Worst-Case-Szenario aus und wie könnte es im besten Falle laufen?“ (Harari, Lektionen für das 21. Jahrhundert, S. 176)

Meiner Meinung nach sind das auch jene Fragen, die, abseits der Tagespolitik, von Religionsgemeinschaften an die aktuell handelnden Regierungen zu stellen sind.

Visionen: Aus meiner Sicht - Kleine, aber schmackhafte Brötchen backen.

Nun noch einige Gedanken zum Thema „Visionen“. So wie ich es sehe, handelt es sich bei Visionen um ein möglichst weites Zukunftsbild, aus dem man konkrete Ziele ableiten kann, woraus wieder konkrete einzelne Arbeitsschritte abzuleiten sind. Es liegt in der Natur von Visionen, dass sie mit der konkreten augenblicklichen Realität nichts zu tun haben. Beim Formulieren von Visionen geht es also nicht darum, zu fragen: „Was können wir heute und morgen ändern?“ und dergleichen mehr. Es geht auch nicht darum, die augenblickliche Realität für mehr oder weniger gut oder schlecht zu erklären. Schon gar nicht geht es darum, über die Vergangenheit ein Urteil zu fällen oder Gründe dafür zu formulieren, warum dieses oder jenes nicht so gut läuft. Ich sehe das bereits stattgefundene Visionsfest 2019 als einen ersten Impuls. Einige konkrete Projekte wurden dabei ausformuliert, die auch in unserer Zeitung „Kirche in Bewegung“ dargestellt wurden. Bei diesen Projekten geht es darum, sie in einzelnen Kirchengemeinden und auch in Verbindung von Kirchengemeinden zu realisieren. Ein gesamtkirchliches Projekt kann die 150 Jahr Feier der Altkatholischen Bewegung in Österreich im Jahr 2021 werden. Nehmen wir uns dafür Zeit und Kraft! Mein persönlicher Eindruck ist, dass wir, wie es so schön heißt „kleinere Brötchen backen müssen“, aber gerade diese sollten dann schmackhaft sein.

Aktuell im Angesicht der Corona-Krise sind es wohl Fragen des Spannungsfeldes zwischen Sicherheit und Freiheit, die uns bewegen.

Stellen wir uns diesem Thema so unbefangen wie möglich und lassen Diskussionen zu. Schauen wir aber immer darauf, dass der Ton stimmt und geben wir zu, dass wir in einzelnen Details wahrscheinlich nicht die großen Experten sind, die mit dem Anspruch auf Unfehlbarkeit auftreten dürfen.

Die durch die Corona Krise entstandenen Probleme und Chancen fordern uns Christinnen und Christen heraus. Hoffnungen auf mehr Solidarität zwischen gesellschaftlichen Schichten und zwischen den Nationen gibt es auf der einen Seite und auf der anderen die Befürchtungen, dass notwendige Maßnahmen zur Verbesserung der Ökologie und Klimagerechtigkeit vernachlässigt werden. Wo stehen wir als Kirche, wo wollen wir stehen, was entspricht dem Evangelium? Ganz sicher der Einsatz für Arme, Schwache, Benachteiligte und Ausgegrenzte! Wir brauchen die Unbefangenheit großer Entwürfe genauso wie den Blick auf realistische Umsetzungsmöglichkeiten in kleinen und zugleich richtigen Schritten. Wenige, gezielt und nachhaltig verfolgte Projekte sind sicher das, was wir leisten können. Eines davon kann die Beteiligung an der Debatte über ein bedingungsloses Grundeinkommen sein. Reden wir darüber! Und beginnen wir zu handeln, wo wir Handlungsmöglichkeiten wahrnehmen!

Synode 2021

Wie ich schon vor einigen Jahren formuliert habe, noch bevor ich Bischof war, befindet sich unsere Gesellschaft in einer raschen Transformationsdynamik, das heißt: Die Verhältnisse die unser aller Leben bestimmte, ändern sich so rasch, dass „manchen schwindlig wird“. Die etablierten Kirchen tun sich damit schwer, ähnlich wie andere Institutionen und staatliche Akteure. Das gilt auch für unsere zahlenmäßig kleine, aber institutionell „groß verfasste“ Kirche. Die in Ordnungen verfassten Einrichtungen der Altkatholischen Kirche Österreichs - also auch die Synode - gehen davon aus, dass eben diese Ordnungen eine sichere Grundlage bieten. Zugleich erfordern diese Ordnungen die Befassung mit ihnen, ihre Kenntnis und die kompetente Auslegung beim Entstehen von konkreten aktuellen Fragestellungen.

Wichtig für all dies ist ein möglichst großes Potential ehrenamtlicher Mitarbeiter*innen in Gemeinde- und Kirchenleitung. Gerade letzteres, das Vorhandensein von genügend Menschen, die sich engagieren können und die Kompetenzen dafür mitbringen, ist nach meiner Einschätzung - man möge mir widersprechen, wenn man es anders sieht - nun nicht ausreichend oder weniger vorhanden als früher der Fall. Daher sehe ich es als meine, wenn auch unangenehme Pflicht, dies offen anzusprechen. Oft gibt es für die notwendigen Funktionen in Kirchengemeinden und Kirchenleitung gerade einmal die Möglichkeit zur Bestellung derer, die sich für ein konkretes Amt melden und mitunter muss mit großem Aufwand jemand gesucht werden, der ein bestimmtes Amt übernimmt. Zum einen mag es daran liegen, dass viele Menschen in Beruf und Familie gefordert sind und auch eine Freizeitkultur leben wollen, was ein Engagement in der Kirche schwierig erscheinen lässt. Zum anderen erfordert das Engagement in der Kirche einen bestimmten Persönlichkeitstyp - man muss sich auf konkrete Personen einlassen und einstellen, bereit sein zu regelmäßigen Zusammenkünften, organisatorische Kompetenz und Belastbarkeit einbringen u.v.m. - alles Eigenschaften, die scheinbar bei immer weniger Menschen vorhanden sind.

All dies wirft Fragen auf, die zu diskutieren sind, außerhalb des gewohnten Ganges von Antragstellung, Stellungnahmen, Diskussion und Abstimmung. Ich - und mit mir die Geistlichenkonferenz unserer Kirche - regen daher an, die kommende Synode 2021 mit einem pastoralem Schwerpunkt auszustatten und diesem einen breiten Raum zu geben.

An dieser Stelle wird mir bewusst, wie großartig das Engagement der bisher tätigen Ehrenamtlichen ist: Ohne dieses Engagement wäre ein eigenes Kirche - Sein nicht möglich: Geht es doch darum, dass wir als „kleine Schar“ nicht nur seelsorglich aktiv sind, sondern auch große organisatorische Lasten zu tragen haben, die in anderen, zahlenmäßig größeren Kirchen auf viele Schultern und ganze Stäbe von Angestellten verteilt sind: Kirche und ihre rechtliche Verfasstheit, Aus- und Fortbildung, geistliches Leben, Ökumene und Dialog der Religionen, Diakonie und soziales Engagement, Angelegenheiten der Kirchengemeinden, Schulwesen und Religionsunterricht, Aufbringung finanzieller Mittel für die Seelsorge und Verwaltung, Öffentlichkeitsarbeit und neue Medien, nachhaltige Organisation der Finanzen und vieles andere mehr, all das müssen wir als eigenständige Kirche stemmen, und es gelingt uns bisher recht gut: Bei allen spannenden und spannungsgeladenen Themen, die uns da beschäftigen, dürfen wir auch, denke ich, stolz sein, im Sinne von selbstbewusst sein, und dankbar sein für die Vielen, die sich dies in Vergangenheit und Gegenwart zur Aufgabe gemacht haben und machen.

Noch einmal zurück zum Thema „Synode“:

Hier geht es, wie mir auch von manchen in unserer Kirche gesagt wird, um eine bestimmte Synodenkultur. Es ist wohl immer gut und notwendig, manches in Erinnerung zu rufen, was zu den sogenannten Selbstverständlichkeiten gehört: Höflichkeit, Rücksichtnahme und Wertschätzung sind Tugenden, die uns allen guttun, wenn wir ins Gespräch miteinander kommen. Und es ist sicher ebenso von Vorteil, wenn wir davon ausgehen, dass die eingebrachten Anträge gut überlegt sind und alle Antragsteller zum Wohle unserer Kirche handeln wollen.

Die rechtlichen Vorgaben unserer Kirche - die derzeit geltende Kirchenverfassung und die einzelnen Ordnungen - sind von früheren Synoden beschlossen worden und wir dürfen davon ausgehen, dass diese von den besten Intentionen geleitet waren. Eine gewisse Kenntnis der genannten Materie ist für uns alle von Vorteil und sollte im Vorfeld der Synode etwas unklar scheinen, steht unser geschätzter Synodalanwalt Dr. Albert Haunschmidt für Anfragen und Klärungen zur Verfügung.

Da wir, wie alle schon längere Zeit in unserer Kirche Engagierte wissen, damit rechnen müssen, mit sehr unterschiedlichen Meinungen und Sichtweisen konfrontiert zu sein, ist es ratsam, sich als Synodenteilnehmer*in von vornherein mit dem Gedanken vertraut zu machen, dass man sich mit der eigenen Auffassung bzw. mit der Auffassung der eigenen Kirchengemeinde vielleicht nicht durchsetzen kann. Dies erfordert eine Frustrationstoleranz und auch die grundsätzliche Einstellung, dass „Kirche“ nicht meine persönliche Spielwiese ist.

Positiv formuliert: Es geht darum, das Vertrauen aufzubringen, dass Synodenentscheidungen unter dem Einfluss des Heiligen Geistes zustande kommen, weshalb ja jede Synode auch einen Gottesdienst beinhaltet, bei dem wir beten, dass Gottes Geist unsere Beratungen leiten möge. Natürlich ist das keine Garantie für die Irrtumslosigkeit einer Synode, denn eine solche Garantie gibt es nicht. Die Kirche im Sinne der Ökumene und auch unsere Konfessionskirche sind immer angewiesen auf Umkehr und Neubeginn.

Schlussbemerkungen

Zur Zeit der Fertigstellung dieses Hirtenwortes im Mai 2020 dominiert die Corona-Krise das allgemeine Bewusstsein. Ich darf mich bei allen bedanken, die in diesen Zeiten angemessene Wege der Seelsorge in elektronischen Medien gesucht und gefunden haben. Die Krise erzeugt eine neue Sehnsucht nach körperlicher Nähe, nach einem Austausch, bei dem wieder Gesichtsausdruck und Körpersprache im dreidimensionalen Raum wahrnehmbar sind. Ich darf hoffen, dass uns dies so bald wie möglich wieder vergönnt sein wird und wünsche Ihnen Gesundheit, Wohlergehen und Lebensfreude, also all das und noch viel mehr, was sich hinter dem Wort „Segen“ verbirgt.

In glaubensgeschwisterlicher Verbundenheit

Bischof Dr. Heinz Lederleitner
Altkatholische Kirche Österreichs