Nachdenkliches von unserem Bischof anlässlich der Corona Krise

Türhüter im Hause Gottes
Bischof Dr. Heinz Lederleitner, am 29.3.2020, während der Corona Krise

Vor einigen Tagen, es war schon die Zeit, in der es geboten war, zu Hause zu bleiben, fand ich vor der Tür zum Garten unserer Wohnung einen toten Vogel. Zwar ist dies nichts Ungewöhnliches nach zwei Frostnächten im Frühling, aber, Sie können es sich vorstellen, das macht in Zeiten von Corona die Stimmung nicht besser. Ich glaube nicht an böse Omen und schlechte Vorzeichen, aber allein das Wissen, dass man daran glauben könnte, macht mich nachdenklich.

Es fällt mir schwer, hier etwas niederzuschreiben, was ein Trost, eine Ermutigung, eine Stärkung für alle sein könnte, die sich darauf einlassen, dies zu lesen und zu hören. Höchst verschieden können ja Ihre Erfahrungen sein, denn die einen sind nun überarbeitet, höchst gefährdet und überreizt, die anderen verbannt in die eigenen vier Wände, besonders schlimm geht es denen, die keinen Balkon oder Garten haben und Familien auf engstem Raum. Das Spektrum der Emotionen in diesen Tagen reicht von erstickender Langeweile, Trostlosigkeit, Aggression, Bestürzung, Angst, ja, bis wohin eigentlich - Sie kennen Ihr eigenes Stimmungsbild und versuchen sicher so gut wie möglich, positiv zu sein, zu bleiben, darum zu kämpfen, loszulassen und was es sonst noch an durchaus guten und wertvollen psychologischen Ratschlägen gibt.

Da ich in der privilegierten Lage bin, in eine relativ menschenleere Umgebung hinausgehen zu können, in der man sich gut aus dem Weg gehen kann, versuche ich immer wieder Rundgänge draußen zu unternehmen. Was ich ebenfalls versuche ist, Menschen aus der Distanz heraus zu grüßen, weil mir das Ausweichen von anderen Menschen höchst peinlich ist, signalisiert es doch unter normalen Umständen Ablehnung des anderen oder Furcht. Der Gruß wird mir zumeist freundlich erwidert, die Menschen sind ja genauso hilflos wie ich und ihre Zeichen der Nähe bei angeordneter Distanz rühren mich, vielleicht wirke auch ich rührend für andere, oder komisch, ich weiß es nicht...

Unterwegs in der Natur entwickelt sich bei mir in den letzten Tagen eine Sensibilität für das Kleine, das Unscheinbare, ich bemerke Veilchen am Wegrand, dicke Hummeln, die im Zeitlupentempo fliegen und Vögel, ja Vögel im Flug erregen meine Bewunderung. Normalerweise sind es die großen starken Tiere, die mich faszinieren, Bären, Löwen, Elefanten, ja, so zu sein, muss doch schön sein, stark, unangreifbar, selbst wenn man durch Tiersendungen weiß, dass auch ihre Existenz immer eine gefährdete ist, dass auch sie um ihre Existenz kämpfen müssen.

Vögel, zumal Singvögel wirken von sich aus auf mich immer klein, zerbrechlich, und dennoch sind sie voll Leben, voller Energie, ihr Flug ein Symbol der Freiheit, einer Freiheit, die wir alle in diesen Tagen so sehr vermissen.

Und doch braucht auch der Vogel sein Nest oder erfriert...

In dieser Nachdenklichkeit kommt mir bruchstückhaft, aber doch, ein Psalmvers in den Sinn, wie war das doch, "(...) der Vogel findet ein Nest (...) deine Altäre, Herr der Heerscharen."
Unterwegs, wie ich bin, beschließe ich, zu Hause einen Blick in das Internet zu tun, denn ich weiß ja nicht, aus welchem Psalm – darin war ich immer schlecht, mir so etwas zu merken – dieser Vers stammt.

Die Internetrecherche zu Hause beruhigt, ich weiß mich mit tausenden Menschen verbunden, die zur gleichen Zeit in diesem "Netz" herumstochern. Sie ergibt rasch, dass es sich um einen Vers aus dem Psalm 84 handelt, den ich in der Lutherbibel nachschlage, das ist die Bibel, die bei mir zu Hause ist, die anderen Bibeln sind in der Wiener Wohnung und im Büro, ja und natürlich ist so eine aktuelle Lutherbibel ja durchaus respektabel.

Ich mag Bücher, das Dünndruckpapier, den Geruch des Buches, ein seltener sinnlicher Genuss in einer Zeit, da ich die Sinnlichkeit einer Liturgie entbehre. Ja, die Liturgien im Internet sind ja schon etwas Besonderes, aber immer nur Ersatz, der nicht ersetzen kann, sie bleiben am Wort, oft an den Wörtern, das liegt nicht an denen, die sich betätigen, alle sind ja voll gutem Willen und tun ihr Bestes mit allen Kräften. Mir wird bewusst, dass es bei Gottesdiensten Momente der Begegnungen gibt, Augenblicke – ja eigentlich "Augen – Blicke" wo ich beim Predigen, beim Kommunionausteilen "Blicke auffange" und wahrscheinlich geht es den anderen genauso, sie blicken in meine Augen und vielleicht sind sie auf der Suche nach der Tiefe meiner Seele, nehmen etwas wahr, das mir selbst unbekannt ist, denn, die Augen sind ja der Spiegel der Seele ... all das fehlt, das schmerzt, das kann die Elektronik nicht ersetzen.

In all dieser Trostlosigkeit bleibt mir der Trost der Worte, die keine Wörter sind, die gleichsam wie Regentropfen meine Haut benetzen, ja, die unter die Haut gehen, Worte, in denen ich etwas ahne, spüre, das mir nahe geht, wo ich so etwas wie Heimat finde, eine Heimat, von der ich lange Zeit keinen Begriff und keine Vorstellung hatte, aber die genau zu dem geworden ist, was lange Zeit mein Leben gehalten und getragen hat, ohne dass ich es wusste. Das ist zwar schon eine Erfahrung meiner letzen Jahre, die mir immer mehr bewusst wird: Wie sehr meine Wurzeln in einer gläubigen Erde stecken, dort kann ich sie nicht heraus reißen, jenseits von allen religiösen und kirchlichen Traumatisierungen gibt es da etwas, was hält, Gott sei Dank!

So vertraue ich Ihnen den Psalm 84 an, es ist mir dabei ganz egal, oder soll ich besser sagen, es liegt an Ihnen, wie Sie sich empfinden, ob Sie gläubig oder ungläubig sind, ob Sie mich für einen frommen Spinner halten oder am Ende ganz unberührt da stehen - um Gottes willen, das ist keine Anklage, ich selber bin ja so oft unberührt und unsensibel für das, was andere erschüttert.
Ich lege Ihnen also den Psalm 84 vor, mit einigen Kommentaren, gleichsam als "Türhüter" stehe ich vor dem Allerheiligsten, jetzt gerade in dieser Zeit, in der uns das Allerheiligste verwehrt ist, der sinnliche Kontakt mit dem verwehrt ist, was "Leib" ist, in dieser Zeit, in der uns bewusst werden kann, wie sehr Sinnlichkeit und Gottesbewusstsein zusammen gehören.

Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth (besser als meine eigene...)
Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des Herrn.
Mein Leib und meine Seele freuen sich (ja, auch der Leib...)
In dem lebendigen Gott (Gott, der mehr ist, als eine Idee)
Der Vogel hat ein Haus gefunden
und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen (leider ist das dem toten Vogel vor meiner Tür nicht gelungen, aber naiv wie ich sein möchte denke ich auch sein Leben hatte einen Sinn)
Deine Altäre, Herr Zebaoth
Mein Gott und mein König (ja, die Altäre können auch eine Heimat sein...)

Wohl denen, die in deinem Haus wohnen,
die loben dich immer dar.

Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten
und von Herzen dir nachwandeln!
Wenn sie durchs dürre Tal ziehen (ja, das tun wir gerade...)
Wird es ihnen zum Quellgrund und Frühregen hüllt es in Segen.
Sie gehen von einer Kraft zur andern
und schauen den wahren Gott in Zion.
Herr, Gott Zebaoth, höre mein Gebet,
vernimm es Gott Jakobs!
Gott unser Schild schau doch
Sieh an das Antlitz deines Gesalbten!

Denn ein Tag in deinen Vorhöfen (ja, da sind wir, und – eigentlich sind wir da, von Tag zu Tag immer mehr, hoffentlich, wer es fassen kann, der fasse es...)
Denn ein Tag in deinen Vorhöfen
ist besser als sonst tausend!

Ich will lieber die Tür hüten in meines Gottes Haus
als wohnen in den Zelten der Frevler.
Denn Gott der Herr ist Sonne und Schild
Der Herr gibt Gnade und Ehre.
Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen („fromm“, das mögen Sie für sich so übersetzen, dass es Ihnen erstrebenswert erscheint)

Herr Zebaoth, wohl dem Menschen
Der sich auf Dich verlässt.

Leibnitz, am 29.3.2020