Veröffentlichung von Bischof Heinz zum Kar-frei-tag

In den soeben erschienenen Ökumenischen Informationen Salzburg (Ausgabe Jänner 2020, Nr. 35) ist auf Seite 16 unter der Rubrik "Neues und Rückschau 2019" folgender Beitrag von Bischof Dr. Heinz Lederleitner veröffentlicht:

"Kar-frei-tag: Tag der sperrigen Erinnerung"

Im raschen Fluss der Ereignisse kann - und will - diese Wortmeldung keine Tagesaktualität beanspruchen. Die Feiertagsarchitektur Österreichs ist ins Wanken geraten, in einer sich zunehmend verändernden gesellschaftlichen Wirklichkeit scheint eine für alle zufriedenstellende Lösung offensichtlich schwierig.

Im Hintergrund all dessen, was im Vordergrund diskutiert wird, steht, so wie es Byung-Chul Han in seinem Essay „Psychopolitik" formuliert, eine besondere historische Phase, in der die Freiheit selbst Zwänge hervorruft: “Die Freiheit des Könnens erzeugt ... mehr Zwänge als das disziplinarische Sollen ... Das Leistungssubjekt, das sich frei wähnt, ist in Wirklichkeit ein Knecht. Es ist insofern ein absoluter Knecht, als es ohne den Herrn sich freiwillig ausbeutet." Eine Leistungsgesellschaft zwingt dazu, sich etwas leisten zu können. Daher auch die Frage: „Können wir uns einen Feiertag leisten?" Und warum gerade diesen Feiertag, an dem es nichts zu feiern gibt, keine Party und auch keinen Festtagsschmaus.

In der Tat macht der Karfreitag ratlos. Das ist gerade sein Kennzeichen. Im Angesicht dessen, dass da an einen erinnert wird, der „nichts mehr können konnte". Außer: Dulden und ertragen, dass selbst seine besten Argumente - und die hatte er – nichts bewirken konnten. Ja, das macht ihn mit allen gemein, die ihr Leid nicht mehr ändern können, verbunden mit denen, die am Rand stehen und an die wir nicht gern erinnert werden.

In den letzten Monaten ist immer mehr Christ*innen bewusst geworden, wie sehr sie der Karfreitag verbindet. Ein ökumenischer Stolperstein - dessen Existenz augenfällig zu Tage trat - kann, so darf gedacht werden, doch noch ein ökumenischer Meilenstein werden. Manche Äußerungen von Politikern im Juni 2019 stimmen hoffnungsfroh.

Feiertage sind freie Tage. Besonders für diese gilt: Es kommt darauf an, was man daraus macht. Die Frage nach einer Kultur des Karfreitags darf uns Christ*innen, egal welcher Konfession, nicht kalt lassen. Welches Gesicht hatte dieser, für Evangelische, Methodisten und Altkatholiken bisher freie Tag, und welches könnte und sollte er in Zukunft haben, egal wie die politische Diskussion ausgeht? Da ist natürlich die erste Antwort: Ein Gottesdienst, der diesem Tag gerecht wird. Aber was dann? Darüber haben wir uns, vermute ich, noch nicht allzu viele Gedanken gemacht.

Karfreitag, das könnte ein Tag ökumenischer Begegnung sein. Gemeinsames Beten, gemeinsame Aktionen, gemeinsames Auftreten in der Öffentlichkeit. Gemeinsames im Sinn eines prophetischen Dienstes an der Gesellschaft.

Karfreitag könnte auch jener Tag sein, an dem man sich ganz persönlich einen Freiraum erschafft für alles, was sonst im Getriebe des Alltags untergeht. Ein Tag der Stille, des Fastens, des Verzichtes auf oberflächliche Kommunikation, sei sie real oder elektronisch.

Karfreitag wird wohl immer ein Tag des Übergangs sein: Sinnvolle Vorbereitung auf das, was wir als Christ*innen erwarten. Unterwegs sein zum Fest der Auferweckung Jesu, ohne dass der Karfreitag nicht sein könnte, was er ist: Sperrige Erinnerung, die es zu pflegen gilt.

+ Dr. Heinz Lederleitner (Bischof der Altkatholischen Kirche Österreichs)