Grußwort an Ordentliche Synode

Grußwort von Bischof Dr. Harald Rein anlässlich der Ordentlichen Synode 2019
19./20. Oktober 2019, KG Heilandskirche, Wien West, 1150 Wien

In meinem kurzen Grußwort, möchte ich darlegen, warum ich hier bin, da der Grund vielleicht nicht jedem immer bewusst ist, und auch über die Situation in der Utrechter Union als Kirchengemeinschaft sowie die Verfassung unserer Union möchte ich reden.

Also warum bin ich jetzt überhaupt hier?

Das hängt einfach mit unserem Kirchenmodell zusammen. Die Altkatholische Kirche ist ja von ihrem Selbstverständnis her eine "katholische" Kirche und wir bekommen trotz unserer Kleinheit auch unsere weltweite Bedeutung dadurch, dass wir eben eine katholische Kirche sind. Deshalb hat uns auch niemand anders als der jetzige Kardinal Koch, allerdings als er noch Theologieprofessor in Luzern war - heute würde er das vielleicht nicht mehr so sagen - als den ökumenischen Herzschrittmacher bezeichnet. Aber, um dieser ökumenische Herzschrittmacher oder diese Brückenkirche zu sein, ist es wichtig, dass wir eine katholische Kirche sind und bleiben.

(Evangelische oder protestantische Kirchen oder Freikirchen gibt es genug, ohne das werten zu wollen, aber wir sind eine katholische Kirche, die mit der r.k. Kirche, der anglikanischen Kirche, den orthodoxen Kirchen und auch anderen Kirchen, wie der Kirche von Schweden oder der Mar Thoma Kirche, sozusagen den katholischen Teil der Christenheit im Sinne von Beschreibung eines Typs ausmacht - noch einmal bitte ohne Wertung im Vergleich zu den reformatorischen Kirchen).

Und zum Kirchenbild einer katholischen Kirche gehört es - orientiert an der sogenannten alten Kirche -, dass es drei Ebenen gibt: Die Kirchengemeinde, das Bistum und eine Gemeinschaft von Ortskirchen!
Das bedeutet, dass die Kernzelle oder die lebendige Zelle allen kirchlichen Lebens erst einmal die Kirchengemeinde ist. Dort findet primär das kirchliche Leben statt.
Aber man ist nicht Kirchengemeinde für sich allein, sondern auch Teil eines Bistums. Nach der alten Kirche stehen das Bistum und die Ortskirche ebenso nicht für sich alleine, sondern sie befinden sich zugleich in universaler Gemeinschaft mit vielen anderen Ortskirchen, kurz in katholischer Tradition. Das sehen Sie jetzt gerade an den Fragen der Frauenordination wie auch an neuen Segnungsformen bei Lebensbünden - wo eben nicht nur die einzelne Kirchengemeinde gefragt ist, auch nicht nur die einzelne Ortskirche, sondern die ganze Christenheit oder zumindest eine Gemeinschaft von konfessionellen Ortskirchen.

Deshalb ist es auch ein uralter Brauch, dass zu Synoden Bischöfe der Nachbarkirchen eingeladen werden, damit diese Auskunft geben, sich auch selber informieren und aneinander insgesamt Anteil nehmen können.

In diesem Sinne bin ich sehr gerne als Gast dabei. Das ist unsere altkatholische Synodalität und Katholizität. In  diesem Sinne freue ich mich, diese Wirklichkeit mit Ihnen teilen zu können.

Dann zur Utrechter Union als solche. Wie ist unsere konfessionelle Situation und wie ist unsere praktische Situation?

Unsere Situation ist natürlich schwierig geworden, denn es ist einfach so, dass wir vor sehr großen Herausforderungen stehen.
Man muss einfach sagen, es gilt die Zusage von Jesus Christus: "Siehe ich bin bei euch, bis ans Ende aller Tage, bis zum Ende der Welt und geht hinaus und tauft alle Menschen auf den Namen des Vater, des Sohnes und des Heiligen Geistes". Das ist unsere Aufgabe.
Aber es sind schon größere Kirchen wie wir untergegangen. Sie sind von der Geschichte und in Folge von irgendwelchen weltpolitischen Entwicklungen hinweggefegt worden.
Und es sind auch schon kleinere Kirchen größer geworden, als wir es sind. Das ist der Lauf der Kirchengeschichte, der Wille Gottes. Daran können wir nichts ändern.
Aber wir müssen einfach unsere altkatholische Verantwortung als Bewegung wahrnehmen in unserem Sinne, solange wir können und wollen, und das ist unser Auftrag in unserer besonderen Identität gemeinsam mit anderen Kirchen.

Wir stehen heute vor zwei großen Herausforderungen. Die erste Herausforderung ist ganz klar die Säkularisierung in Westeuropa.
Man muss einfach sagen, dass das Christentum wächst: "Siehe ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt". Das Christentum ist weltweit!

Auch ist das Christentum weltweit die am meisten verfolgte Religion. Das darf man auch nicht verschweigen. Ja, man muss es sagen!
Auch ist das Christentum - wie der Islam - eine weltweit wachsende Religion.
Uns muss es daher um das Christentum nicht bange sein.

Aber eine sehr große Herausforderung ist doch die Situation in Westeuropa. Die Säkularisierung schreitet immer weiter voran. Der Anteil der Konfessionslosen in allen westeuropäischen Ländern steigt, steigt und steigt und wird wahrscheinlich in zehn Jahren die Hälfte der Einwohner*innen bereits erreicht haben, und alle Kirchen stehen in dieser neuen Situation der Mission und der Evangelisierung.
Wir sind - wie alle Kirchen - aufgefordert, über unsere Gemeinden (und über diese hinaus) den Menschen die Botschaft und das Wort Gottes zu bringen.
Deshalb müssen wir in erster Linie überlegen, wie  können wir Menschen für Gott, für Jesus Christus und von unserer Art des "Katholischseins" überzeugen? D. h. sie zu einer Mitgliedschaft in unseren Kirchengemeinden zu bewegen.
Aber das wäre erst der zweite Schritt. Denn mit unseren Themen der "Unfehlbarkeit", dem "Jurisdiktionsprimat" und mit "bei uns dürfen Geschiedene heiraten“, usw. locken Sie heute niemanden mehr hinter dem Ofen hervor.  
Wir müssen in erster Linie natürlich unsere Identität leben, den Leuten auch im Hinblick auf unser synodales System eine Heimat geben, aber in erster Linie geht es um das Christentum an sich und seinen Fortbestand in Westeuropa, und erst dann kommt die kirchliche konfessionelle Identität, die uns auch wichtig ist, als altkatholische Bewegung, hinzu.

Zu dem Problem der Säkularisierung gehört leider auch, dass die Anzahl der Berufungen massiv zurückgeht, und zwar in allen Kirchen. Wir werden wahrscheinlich in zehn Jahren einen akuten Geistlichenmangel in allen Kirchen in Westeuropa haben. Die Zahl der Berufenen und Erststudierenden an den Theologischen Fakultäten geht überall dramatisch zurück und deshalb werden die Berufungen und auch das geistliche Leben eine große Herausforderung darstellen.

Auch im Bereich der Ökumene (als zweite große Herausforderung) muss man der Realität ins Auge schauen.

Es ist ganz klar, dass wir im Moment mit der r.k. Kirche und den Orthodoxen Kirchen - trotz aller Geschwisterlichkeit - wegen der Frage der Frauenordination keine Kirchengemeinschaft feststellen werden können.

Es ist im Moment auch klar, dass unsere gegenseitigen Beziehungen zur Anglikanischen Kirche, die zwar nicht in England und in den USA, aber weltweit sehr konservativ und bibelorientiert ist, durch die Segnung gleichgeschlechtlicher Partner*innenschaften einer großen Herausforderung ausgesetzt sind.

Trotzdem müssen wir als altkatholische Bewegung tun, was wir für richtig halten.

Und abschließen möchte ich diese Bestandsaufnahme noch mit unserer Beziehung zur r. k. Kirche.

Wenn man weltweit unterwegs ist, stellt man folgendes in den r.k. Kirchen fest: Wie üblich hängt in den Sakristeien das Bild des Ortsbischofs und das Bild des Papstes. Und ich habe mir die letzten zwei Jahre angewöhnt, wenn ich einfach in so einer r.k. Sakristei war, zu schauen: Wer hängt da? - weil das sehr aussagekräftig ist! Und es ist sehr interessant, dass Papst Benedikt, den ich für einen sehr redlichen intellektuell Suchenden halte, nirgendwo hängt. Wer dort hängt, ist entweder Papst Johannes Paul II. oder Papst Franciscus. Wenn Johannes Paul II. dort hängt, ist diese Ortskirche eher konservativ-kritisch. Sie will das Alte bewahren, steht den Reformbemühungen des neuen Papstes kritisch gegenüber und sieht in diesen sogar den Abfall vom Glauben. Und dort, wo das Bild des neuen Papstes hängt, dort will man aufbrechen.
De facto ist die r.k Kirche heute in zwei Flügel gespalten, nämlich in einen konservativen und einen liberalen. Es setzen sich also die Auseinandersetzungen vom Zweiten Vatikanischen Konzil neu fort.
Ob das zu einem Bruch führen wird oder nicht, wissen wir nicht. Ich glaube nicht, aber man muss abwarten. Es ist nun ganz klar zu sagen, dass wir auch für den liberalen Flügel keine Alternative sind. Dem muss man ganz realistisch ins Auge schauen. Wer heute r.k. ist, wird seine Kirche verändern und meistens nicht altkatholisch werden wollen. Das ist einfach so, und das ist für uns zwar bitter, aber die Realität.
Und das hat dazu geführt, dass heute eigentlich die ökumenischen Beziehungen mit der r.k. Kirche bestens laufen und die alte Feindschaft vorbei ist, weil die r.k. Kirche das Gefühl hat, wir werden ihr heute nicht mehr gefährlich. Einen Dammbruch wird es eben nicht geben.
Und ich glaube, dass wir das endlich auch selbst erkennen müssen, ja, und die Hoffnung - also ich sag das jetzt mal so - dass jeder, ja wie soll ich das korrekt ausdrücken, jeder gescheite oder einigermaßen intelligente r.k. Christ, der unsere Broschüren liest, von selbst altkatholisch werden müsste, ist wahrscheinlich eine unrealistische Annahme, eine reine Illusion.

Ich glaube, wir müssen uns daher wirklich auf unser Kirche-Sein beschränken und als altkatholische Bewegung und als katholische Kirche das tun, was wir für richtig halten. Das wünsche ich ihnen mit Gottes Hilfe! Danke!

Bischof Dr. Harald Rein,
Christkatholische Kirche der Schweiz

Transkription und red. Aufarbeitung: Irene Buchhart, MSc
Zur Veröffentlichung freigegeben am 4.11.2019