Bischofswort zum Fest der Erscheinung des Herrn 2022

Bischofswort zum Fest der Erscheinung des Herrn 2022

Liebe Glaubensgeschwister und alle Freundinnen und Freunde des guten Lebens!

Am 6. Jänner erleben wir, verbunden mit unseren orthodoxen Geschwistern, deren Weihnachtsfest, und begehen in westkirchlicher Tradition das Fest der Erscheinung des Herrn:

Als aber die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, unseres Retters, erschien, hat er uns gerettet - nicht aufgrund von Werken der Gerechtigkeit, die wir vollbracht haben, sondern nach seinem Erbarmen - durch das Bad der Wiedergeburt und die Erneuerung im Heiligen Geist. Ihn hat er in reichem Maß über uns ausgegossen durch Jesus Christus, unseren Retter, damit wir durch seine Gnade gerecht gemacht werden und das ewige Leben erben, das wir erhoffen.

Diese Stelle aus dem Titusbrief des Neuen Testamentes, Kapitel 3, Verse 4-7, will uns ermuntern und Hoffnung machen. Im Angesicht von Fragen, die uns bedrängen, und von gut gemeinten Antworten, die trotzdem fragwürdig bleiben, stärkt uns der Blick auf Gott, von dem es heißt: "Bei dir ist die Quelle des Lebens, in deinem Licht schauen wir das Licht." (Ps 36,10).

Das Christentum ist, so sagt es der Religionsphilosoph Eugen Biser, „eine therapeutische Religion“. Jesu Ziel ist die Umgestaltung des Menschen zum Gotteskind und Bürger des Gottesreiches, wie es im Johannesevangelium ausgedrückt wird: "Die ihn aber aufnahmen und an ihn glaubten, denen gab er das Recht, Kinder Gottes zu werden.“ Joh 1,12. Eine hohe Würde!
Und, parallel dazu: Würde ist neuerdings ein Schlagwort, das ich an den Betonwänden der Südbahnlinie in Wien aufgesprüht sehe - für mich ein Hinweis darauf, dass es zu wenig davon gibt. Unwürdig sind aller Hass und jede Gewalt, die Menschen entzweit und am Leben verzweifeln lässt.

Dem Leben Würde zurück zu geben, auch wenn es - im Angesicht der Pandemie - immer weniger planbar und beherrschbar scheint, dies ist heute der Auftrag an alle Christinnen und Christen. Hier sind wir vereint mit denen, die, ohne Glauben und ohne Hoffnung, aus Protest gegen das Hineingeworfen Sein ins Existieren-Müssen, Anstand und Würde als zentrale Werte leben. Thomas Mann formuliert, anders argumentierend, im siebten Kapitel von "Der Zauberberg“: "Indem gesetzgeberische Weisheit die Grenzen der kritischen Vernunft absteckte, hat sie an ebendiesen Grenzen die Fahne des Lebens aufgepflanzt und es als die soldatische Schuldigkeit des Menschen proklamiert, unter ihr Dienst zu tun."

Wo immer wir also stehen und wie verschieden wir denken: Dienen wir dem Leben, der Lebendigkeit, indem wir aufeinander achten. Schenken wir einander eine geistige und geistliche Nähe jenseits von körperlicher Nähe, wenn es notwendig ist. In den kommenden Wochen wird wieder manches konkrete und praktische dazu zu sagen sein.

Ich grüße, im Gebet verbunden, mit einem Herzenswunsch: Bleiben wir in Gott vereint und geborgen!

+ Heinz
Dr. Heinz Lederleitner
Bischof der Altkatholischen Kirche Österreichs